Da machen sich die Leute über die Düsseldorfer “Stadtstrände” lustig, weil es da noch nicht einmal Sand gibt. Die Idee, ein schwimmendes Schwimmbad auf dem Rhein einzurichten, ist längst passé. Und einfach so im Rhein zu baden, ist lebensgefährlich. Das war vor mehr als 100 Jahren noch anders. Da gab es ab 1909 und bis in die Dreißigerjahre hinein ein Strandbad am Oberkasseler Rheinufer. Was spontan begann, wurde bald zu einer echten Freizeiteinrichtung mit Absperrungen im Wasser, Bademeistern, Umkleiden und Restaurant. Weil das Strandbad so sehr an die Seebäder an der Nordsee erinnerte, hieß es im Volksmund “Rheinisch Borkum” oder auch “Düsseldorfer Lido”.

Der Düsseldorfer Historiker Ulrich Brzosa hat die Geschichte in einem Artikel für die Rheinische Post als erster umfassend aufgeschrieben und mit zahlreichen Fotos bebildert. Danach waren es Jungs, die im Sommer 1909 am Ufer gegenüber der Stadt begannen, mit nackten Beinen ins Wasser zu gehen. Dem Beispiel folgten bald auch brave Bürger, und dann erschienen fortschrittliche Menschen in Badekleidung, um am Rand auch Schwimmübungen zu absolvieren.

Tatsächlich war das Schwimmen im Rhein in jenen Jahren wesentlich ungefährlicher als heute, weil die gefährlichen Strömungen und Strudel erst durch den weiteren Ausbau der Wasserstraße mit Buhnen und Kribben entstanden. Brosza schreibt zur rasant wachsenden Beliebtheit des Badens im Rhein:

Der noch heute bestehende Verkehrs- und Verschönerungsverein Oberkassel hatte „in dankeswerter Bereitwilligkeit und Fürsorge sozusagen über Nacht ein geräumiges Erfrischungshäuschen alias ‚Strandhotel‘ errichtet und zahlreiche Tische, Stühle und Bänke und vier piekfeine Strandkörbe herbeigeschafft“. Im Wasser wurden Holzbalken verankert, ein Nichtschwimmer- und ein Schwimmerbereich ausgewiesen. Ein Badewärter gab Acht, dass nichts passierte. Noch konnten nur wenige Düsseldorfer richtig Schwimmen. Für Ordnung an Land sorgte ein Polizei-Gendarm, „und zwar nicht einer der finsteren“, der regelmäßig den Strand ablief. [Quelle: Rheinische Post vom 02.08.2019]

Massen im Wasser am Oberkasseler Strandbad um 1910 (Foto: Stadtarchiv Düsseldorf)

Massen im Wasser am Oberkasseler Strandbad um 1910 (Foto: Stadtarchiv Düsseldorf)

Zum Sommer 1910 übernahm dann die Rheinische Bahngesellschaft die Einrichtung und vergab sie an einen Pächter. Schließlich “gehörte” Oberkassel quasi der Rheinbahn:

Der schnelle Aufstieg der Bahngesellschaft hing mit der dynamischen Entwicklung des Düsseldorfer Wirtschaftsraumes zusammen. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1870 vervierfachte sich die Einwohnerzahl der Stadt Düsseldorf. Die linksrheinischen vorwiegend landwirtschaftlich genutzten Gebiete boten Raum für weiteres städtische Wachstum. Deshalb brachten Lueg, Haniel, Bagel und Vohwinkel zusammen mit dem Beigeordneten und späteren Düsseldorfer Oberbürgermeister Wilhelm Marx am 5. Februar 1896 den Vorschlag in den Rat der Stadt Düsseldorf ein, das rechtsrheinische Stadtzentrum und die linksrheinischen Gemeinden Heerdt, Ober- und Niederkassel durch eine feste Rheinbrücke an Stelle der bisherigen Schiffsbrücke miteinander zu verbinden und durch den Bau einer Bahnstrecke nach Krefeld auch weitere linksrheinischen Städte und Gemeinden wirtschaftlich enger mit Düsseldorf zu verflechten. Die Düsseldorfer Stadtverordnetenversammlung unterstützte das Brücken- und Bahnprojekt und nahm es im März 1896 an. Bereits am 26. Februar 1896 hatte das Preußische Handelsministerium den Bau und Betrieb der Kleinbahn und den Bau der Brücke genehmigt. Die Stadt Düsseldorf selbst beteiligte sich aber nicht an die Finanzierung dieser Projekte. Schon deshalb engagierte sich die Bahngesellschaft auch in der Projektentwicklung bzw. Stadtentwicklung, indem sie auf linksrheinischem Gebiet Grundstücke für 30 Pfennig pro m² erwarb, sie erschloss und später als Baugrundstücke für 30 Mark pro m² wieder verkaufte. So konnte der Bahn- und Brückenbau finanziert werden und entstand durch rege Bautätigkeit von 1906 bis 1914 Oberkassel in seiner heutigen Struktur und Gestalt. (Quelle: Wikipedia)

Das Strandbad an den Oberkasseler Rheinwiesen war eine reine Einrichtung für den Sommer. Nach der Saison wurden sämtliche Anlagen demontiert und eingelagert; im Frühjahr baute man alles wieder auf. Knapp 30 Jahre lang dauerte das Vergnügen, denn in Folge des Ausbaus der Wasserstraße Rhein veränderte sich die Situation am linksrheinischen Ufer bei Düsseldorf so, dass sich am Strand Schlamm und Schlick sammelte und das Baden keinen Spaß mehr machte. Die Besucherzahlen gingen zurück, und mit den ersten Luftangriffen auf Düsseldorf war ans Schwimmen im Rhein nicht mehr zu denken. Gerade in den Anfangsjahren und bis über den ersten Weltkrieg hinaus war das Strandbad auch über Düsseldorfs Grenzen hinaus bekannt – so wurden etliche Postkarten verkauft, auf denen die Szenen in “Rheinisch Borkum” am “Düsseldorfer Lido” zu sehen waren.

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